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Die Kunst des „Sichtbar machens“
Man muss die konventionellen Bilder vergessen, erklärt Roland Stehlin in seinen Überlegungen zur Ausstellung „ D’après nature“ von Zoomby Zangger

„D’après nature“ (zu dt.: „naturgemäss“ )...ist dieser Titel nicht reine Provokation? Er scheint einige Stilleben und Landschaftsmalereien zu versprechen. Doch schon auf den ersten Blick leugnet die Ausstellung, was ihr Titel ankündigt. Es stellt sich die Frage, die bei mancher zeitgenössischer Malerei auftaucht: Was stellt das dar? Eine Anordnung von Strichen, bunten Flecken und einigen dominanten grossen Flächen in schwarz und weiss.

In erster Hinsicht also abstrakte, nicht-gegenständliche Malerei. Perfekt ausgeführt, ernst, wenn nicht sogar zur Askese neigend. Einige grelle oder warme Farbtupfer bieten der Vorstellungskraft „Unterstützung“. Man kommt jedoch schnell von diesem ersten Eindruck ab. Aus der Nähe betrachtet handelt es sich tatsächlich um Natur. Eine Natur; die sich sogar durch einen starken Realismus auszeichnet. Wenn wir sie nicht auf den ersten Blick erkennen, so darum weil das Bild, das wir uns von der Natur machen, ein konventionelles ist. Die Landschaft in der gegenständlichen Malerei schlägt eine Inszenierung der Natur vor, bei der die Hauptregel zweifelsohne die Distanzierung darstellt. Die gegenständliche Malerei lässt von weitem oder zumindest auf Distanz sehen. Auf diese Weise beherrscht das Auge die Dinge und unterscheidet sie klar voneinander. Der Fotograf und der Regisseur gehen in gleicher Weise vor: es braucht eine gewisse Distanz damit die Dinge erkennbar sind. Es ist historisch erwiesen, dass das Erscheinen der Fotografie im 19.Jahrhundert die Veränderung der Malerei bestimmt. Wenn es darum geht, das Sichtbare wiederzugeben und einen flüchtigen Moment festzuhalten, so ist der Fotograf dem Maler weit voraus. Gegenüber dieser Konkurrenz musste etwas anderes gefunden, ein anderes Feld besetzt werden.

Paul Klee hat diese Wende überaus treffend beschrieben. „Die Kunst“, sagt er, „ gibt nicht das Sichtbare wieder. Sie macht sichtbar.“ Das, was sichtbar werden soll, ist nicht das Unsichtbare religiöser oder metaphysischer Natur; es ist das real Existierende und Zugängliche, das uns aus verschiedenen Gründen entgeht. Ein auf Leinwand gemalter Apfel, sagte Picasso, lässt sich nicht essen. Eben dies unterscheidet ihn vom Apfel auf meinem Küchentisch, den ich nur anschaue, wenn ich Hunger habe. Mit einem Blick, der von Zweckrationalität gelenkt wird, sehe ich darin nur, was meinen Bedürfnissen entspricht. Ein Bügeleisen dient dazu; eine nützliche Tätigkeit auszuführen – aber wenn man es auf einen Seziertisch stellt - oder wenn man ein paar Nägel in seine glatte Oberfläche schlägt...Die Surrealisten haben sich dieser Vorgehensweise bedient: ein banales Objekt in einen ungewohnten Zusammenhang stellen, so dass dessen Funktion und Nutzen aufgehoben wird und man gezwungen ist, das Objekt als das, was es ist, wahrzunehmen. So wie der Apfel von Picasso, den man nicht essen kann.

Oder eben: heben Sie die Distanz auf. Anstatt von weitem die Wiese zu betrachten, tauchen Sie die Nase in die Grasbüschel oder in das Geäst eines ausschlagenden Baumes. Aus der Nähe betrachtet wirken die alltäglichsten Dinge verunsichernd. So auch die Grashalme, die zu kalligraphischen Zeichen werden. Ohne Zweifel ist es praktischer ein Foto zu vergrössern und davon einen Teil zu isolieren, um - wie Zoomby Zangger - sichtbar zu machen, was normalerweise dem Auge entgeht.

Es handelt sich also doch, wie im Ausstellungstitel angekündigt; um Natur. Weit davon entfernt, uns aus der Realität zu reissen, taucht uns die Ausstellung ein in die Wirklichkeit. „Hyper Realismus“ könnte man es nennen. Doch so nah man sie auch betrachtet, die Natur bringt keine Kunstwerke hervor, die es zu entdecken genügt.

Wie überall in der Kunst greift die Fantasie mit ein. Aber nicht wie man glaubt. Nach der Wandlung der Malerei durch die Fotografie; war man oft dazu geneigt, auf den Leinwänden Picassos beispielsweise, reine Fantasiegestalten zu erkennen. Gewiss, es gibt Maler, die in diese Richtung gegangen sind; wie zum Beispiel Salvador Dalì. Im Sinne einer Fantasie, die - soweit es möglich ist - jeglichen Zusammenhang mit der Realität kappte. Leonardo da Vinci; hatte schon bemerkt, dass die Wolken merkwürdige Formen annehmen und dass in den Rissen einer alten Mauer Figuren erkennbar werden. Wenn die Natur auch keine Kunstwerke hervorbringt, bis zu einem gewissen Punkt skizziert sie jene vor. Von nahem betrachtet, heben sich die Äste eines Baumes vor dem Hintergrund des Himmels wie fremdartige Zeichen ab.

Erwähnen wir nochmals die Fotografie. Das Werk zeichnet sich darin ab. Es geht darum, die Bewegung zu vollenden; hier zu akzentuieren; da zu verwischen, einen Farbton zu verstärken, ihn zum Leuchten zu bringen oder zu verdunkeln: eine enorme, aber auch langsame Arbeit, die keine Nachlässigkeit toleriert. Und wer Zoomby Zangger kennt, weiss um den immensen Aufwand, den jedes seiner Bilder gleichzeitig zeigt und verbirgt. „D’après nature“ – „naturgemäss“. Die Betonung liegt jedoch auf „d’après“ bzw. auf „gemäss“.

Roland Stehlin

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